Muskeln und ihre Boten Teil 1
Das solltest du über das Diseasome körperlicher Inaktivität wissen

Ich bin vor einiger Zeit auf eine Forscherin aus Dänemark aufmerksam geworden. Von den Forschungsergebnissen bin ich sehr fasziniert und möchte euch einige davon in der nächsten Zeit vorstellen. Das Forscherteam um Bente Pedersen hat entdeckt, dass die Skelettmuskulatur zu den hormonbildenden (endokrinen) Organen zählt. Die Botenstoffe, die von der Muskulatur ausgesendet werden, haben vielfältige Auswirkungen auf den Stoffwechsel.

Titelbild der Serie Muskeln und ihre Boten

In diesem einleitenden Artikel möchte ich zunächst einmal auf das Diseasome körperlicher Inaktivität eingehen. Dieses Phänomen ist ebenfalls eine Hypothese der Forschergruppe aus Dänemark und kann als Ausgangpunkt oder Motivation des Forschungsthemas betrachtet werden.


Was ist das Diseasome körperlicher Inaktivität?

Erst einmal möchte ich kurz das Wort „Diseasome“ erklären. Das ist ein Kunstwort aus „Disease“ (engl. Krankheit) und „Chromosome“ (engl. Chromosom). Wir befinden uns hier also im Bereich der Biologie, genauer in der Zellbiologie und der Genetik. Als Diseasome bezeichnet man ein komplexes Gebilde untereinander verknüpfter Funktionsstörungen und Krankheiten. Eben dieser Verknüpfungen möchte man auf den Grund gehen. Denn wenn man für eine handvoll Krankheiten, die auf den ersten Blick (aus phänotypischer Sicht = durch Erbanlagen und Umwelteinflüsse geprägtes Erscheinungsbild eines Organismus) gar nichts miteinander zu tun haben, plötzlich ein und dieselbe Ursache finden kann – Jackpot!

Genau das scheint den dänischen Forschern für folgende Volkskrankheiten gelungen zu sein: Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmkrebs, postmenopausaler Brustkrebs, Demenz und Depression.

Die körperliche Inaktivität führt zur Ansammlung von viszeralem Fett. Viszeralfett ist das Bauchfett, das zwischen Organen eingelagert ist. Dieses Fett geht der Entstehung chronischer Entzündungen voraus. Es gibt Belege, die darlegen, dass das Viszeralfett entzündlicher ist als das Unterhautfett. Chronische Entzündungen begünstigen wiederum die Entwicklung von Insulinresistenz, Arteriosklerose, neurodegenerativen (= das Nervensystem betreffende) Erkrankungen und das Tumorwachstum. Aus diesen Funktionsstörungen können sich dann die genannten Volkskrankheiten Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmkrebs, postmenopausaler Brustkrebs, Demenz und Depression entwickeln.

Entstehungskette des Diseasome körperlicher Inaktivität

Ein herausragendes Merkmal dieser Kette ist jedoch die Tatsache, dass chronische Entzündungen mit körperlicher Inaktivität, unabhängig vom Körpergewicht, assoziiert sind. Entscheidend sind der Anteil an viszeralem Fett sowie der Anteil an Muskelmasse. D.h. dass abdominal adipöse Personen, also Menschen mit erhöhtem Bauchumfang, ebenso von dieser Kettenreaktion betroffen sein können, wie Personen mit einem sehr niedrigen BMI, aber wenig Muskelmasse.

Darüber hinaus kommt im höheren Alter ein Zusammenhang zwischen der physischen und der mentalen Fitness zum Tragen. Das Gehirn kann sich an viele neue Situationen und Umgebungen anpassen. Diese Fähigkeit heißt neuronale Plastizität. Sport hat einen starken, positiven Einfluss auf die neuronale Plastizität. Durch Sport kann sich zum Beispiel die Gedächtnisleistung verbessern oder es kann zu positiven Strukturveränderungen des Gehirns führen. Diese Phänomene sind vor allem für ältere Erwachsene belegt worden. Cardio-Training ist für diese Effekte besonders geeignet.


Muskeln sind für unsere Gesundheit enorm wichtig! Bente Pedersen und ihr Team haben einen wichtigen Zusammenhang zwischen verschiedenen Volkskrankheiten und körperlicher Inaktivität belegen können. Es ist zwar dadurch nicht bewiesen, dass körperliche Inaktivität der alleinige Grund für die Entstehung der Krankheiten ist, aber von einem wichtigen Anteil an der Entstehung kann man ausgehen.

In den nächsten Artikeln zu diesem Thema werde ich darauf eingehen, warum die Muskulatur solch eine große Rolle für die Gesundheit spielt. Dafür werde ich ein paar interessante Botenstoffe der Muskulatur vorstellen.